Alltagsphilosophie, Food for thought, Inspiration, Kreatives Schreiben, Kreativität
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Wie geht Kreativität im Alltag? Antworten in »Daily Rituals« von Mason Curry

Der Bücherspur folgen

Den Hinweis auf dieses Buch habe ich im letzten Buch gefunden, das ich gelesen habe, Gretchen Rubins »Better than before«, in dem es um Gewohnheiten als die unsichtbare Architektur des Alltags geht. Ich lese besonders gerne Bücher, die ich in anderen Büchern gefunden habe. Für mich geht eine eigenartige Faszination davon aus, einer Bücherspur zu folgen, immer von einem Buch zum nächsten. »Intertextualität« nennt das die Kultur- und Literaturtheorie.

Daily Rituals

»Daily Rituals« von Mason Curry

In »Daily Rituals« beschreibt Mason Currey in kurzen Porträts den Alltag von 150 bekannten Schriftstellern, Komponisten, Malern und Philosophen: Jane Austen, Thomas Mann, Erik Satie, Jean-Paul Sartre, Louise Bourgeois, Le Corbusier, Andy Warhol, um ein paar von ihnen zu nennen.

Das besondere dabei ist nicht, dass einige von ihnen ihre Kreativität nur im absoluten Exzess und nächtlichen Rausch auslebten (wie Jean-Paul Sartre oder Ernest Hemingway) oder merkwürdige Gewohnheiten hatten (wie Benjamin Franklin, der sich täglich nackt an das offene Fenster stellte und in Luft badete). Das besondere dabei ist, dass die meisten von ihnen durch ihre tägliche Routine und Rituale ihre Kreativität konsistent, ein Leben lang, entfalten konnten. Und das auf eine oft recht stille, gleichmäßige, unspektakuläre, friedliche Weise. Und darüber ist eben auch selten zu lesen, da diese stille Arbeitsweise einfach nicht so spektakulär ist.

Durch diesen simplen Aufbau des Buches besitzt es extrem viele Lesarten und Interpretationsspielräume. Es lassen sich so enorm viele Muster darin entdecken, dass man immer und immer wieder in den unterschiedlichen Lebensläufen lesen kann. Und es streift eben viele sehr existentielle Fragen, die jeden Kreativschaffenden umtreiben, und die der Autor Mason Curry in seinem superschönen Vorwort benennt: Wie kannst Du Deiner inneren Stimme folgen und Bedeutungsvolles schaffen, und trotzdem irgendwie finanziell über die Runden kommen? Solltest Du alles hinschmeißen und Dich ganz Deinem kreativen Projekt widmen? Oder besser kleine Zeitinseln Deines Alltags reservieren und so im Laufe der Zeit doch beachtliche Mengen an Material produzieren? Hier einige mögliche Muster und Blickwinkel, die die Lektüre dieses Buches sehr inspirierend machen.

 

Konzentration und Einfachheit

Viele der beschriebenen Künstler haben ihr ganzes Leben auf Einfachheit und konzentriertes Arbeiten ausgelegt. So wenig wie möglich sollte sie in ihrem kreativen Schaffen ablenken.

Wunderschön wird das zum Beispiel im Leben des Schweizer Psychiaters und Begründers der analytischen Psychologie Carl G. Jung beschrieben. Er baute sich im Laufe der Jahre einen Turm, den »Bollingen Tower«, wohin er sich an Wochenenden und in den Ferien zurückzog, um sich von seinem mit Patientensitzungen vollgestopften Alltag zu erholen. Und nur dort schrieb er seine Bücher. »At Bollingen I am in the midst of my true liefe, I am almost deeply myself … I have done without electricity, and tend the fireplace and stove myself. Evenings, I light the oil lamps. There is no running water, I pump the water from the well. I chop the wood and I cook the food. These simple acts make man simple; and how difficult it is to be simple!«

Um Einfachheit, Abgeschiedenheit und Stille ging es auch im Leben des Komponisten Gustav Mahler. Komponiert hat er fast ausschließlich in den Sommerferien in Österreich, weit weg von seinem Alltag als Dirigent und Leiter der Oper in Wien. Auch seine Villa, so berichtet seine Frau Alma, war befreit von allem alltäglichen, ablenkenden Schnickschnack, »almost inhuman in his purity.« Mahler stand morgens um 6.00 oder 6.30h auf, und schloss sich nach einem Frühstück für Stunden in sein Arbeitszimmer ein. Er bestand auf absolute Stille, kein einziger Laut durfte seine Arbeit stören.

Auch Simone de Beauvoirs ganzes Leben war auf Einfachheit und Konzentration ausgelegt. Die Lebensgefährtin von Jean-Paul Sarte konzentrierte sich voll und ganz auf die Arbeit: »There were no parties, no receptions, no bourgeois values. We completely avoided all that. There was the presence only of essentials. It was an uncluttered kind of life, a simplicity deliberately constructed so that she could do her work.«

Daily Rituals

Feste Routinen

Eine Gemeinsamkeit, die sich durch viele Biographien zieht, sind absolut feste tägliche Routinen, feste Arbeitszeiten, an die sich die unterschiedlichen Künstler unumstößlich gehalten haben. Eine Erklärung dafür liefert John Adams: »My experience has been that most really serious creative people I know have very, very routine and not particularly glamorous work habits. Because creativity (…) is very labour-intensive.« Die Routine bei der kreativen Arbeit kommt fast einem regelmäßigen Muskeltraining gleich. Regelmäßiges Schreiben zum Beispiel verhindert laut John Adams, die Schreibblockade und sonstige Krisen. Steve Reich meint, dass mit mehr Kontinuität die Trefferquote erhöht wird, dass die Inspiration zuschlägt.

Eine Routine ist bei auffällig vielen, den Tag sehr früh zu beginnen, und sich als eine der ersten Handlungen des Tages zum Schreiben hinzusetzen. Für Günter Grass wäre es nie in Frage gekommen, nachts zu schreiben: »Never, never at night. I don’t believe in writing at night because it comes too easily. When I read it in the morning it’s not good. I need daylight to begin.« Auch für Toni Morrison spielt das Licht eine Rolle beim Kreativprozess: »For me, light is the signal in the transaction. It’s not being in the light, it’s being there before it arrives. It enables me, in some sense.«

Eine ganz einfache Regel (die unsereiner in unserem fragmentierten, kalendergetriebenen Arbeitsalltag auch wieder beherzigen sollte) hatte auch John Updike: »I try to put the creative project first.« Was ihn dabei über all die Jahre bei der Stange hielt: »The miracle of turning inklings into thoughts and thoughts into words and words into metal and print and ink never pall for me.«

Spazieren gehen

Ebenso oft spielt eine weitere, repetative Tätigkeit eine große Rolle im kreativen Alltag: das Gehen. So viele der beschriebenen Persönlichkeiten sind mindestens einmal am Tag zu einem ausführlichen Spaziergang aufgebrochen.

Erik Satie ging zum Beispiel fast jeden Morgen vom Pariser Vorort Arcueil fast zehn Kilometer zu Fuß nach Montmartre, um dort in Cafés zu sitzen und zu komponieren. Und wenn er nachts den letzten Zug verpasste, ging er zu Fuß wieder nach Hause. Sein Schüler Roger Shattuck meinte sogar einmal, nicht nur Saties einzigartiger Sinn für Takt käme davon, dass er so viel zu Fuß ginge: »his appreciation of the possibility of variation within repetition could be traced to this endless walking back and forth across the same landscape day after day.« Offenbar hielt er dabei auch des öfteren an, im Dunkeln auch gerne unter einer Straßenlaterne, um Einfälle und Ideen aufzuschreiben.

Auch der oben bereits erwähnte Gustav Mahler bestand darauf, dass seine 19 Jahre jüngere Frau Alma ihn nach dem Mittagessen auf einen drei- bis vierstündigen Spaziergang begleitete. Auch er hielt dabei des öfteren an, um sich Ideen in sein Notizbuch aufzuskizzieren. Manchmal allerdings dauerten diese kurzen Stopps eine Stunde oder länger. Alma saß solange im Gras, wartete, und traute sich nicht, ihren Mann anzusehen, um ihn nicht zu stören.

Apropos spazieren gehen und was man dabei alles so unternehmen kann – ein Kollege fragte William Gass einmal, ob er irgendwelche ungewöhnlichen Schreibgewohnheiten hätte: »‘No, sorry for being boring,’ he sighed … ‘How does your day begin?’ ‘Oh, I go out and photograph for a couple of hours,’ he said. ‘Wht do you photograph?’ ‘The rusty, derelict, overlooked, down-trodden parts of the city. Filth and decay mainly,’ he said in a nothing-much-to-it tone of voice, as casually dismissive as the wave of a hand. ‘You do this every day, photograph filth and decay?’ ‘Most days.’ ‘And then you write?’ ‘Yes.’ ‘And you dont’t think that’s unusual?’ ‘Not for me.’«

Ein bürgerliches Leben

Viele der beschriebenen Künstler arbeiteten Zeit ihres Lebens neben ihrer kreativen Tätigkeit in einem bürgerlichen Angestelltenverhältnis. Das heißt, sie schrieben oder komponierten abends, nachts, morgens, im Urlaub, oder einfach irgendwie zwischendurch. Das ist zum einen tröstlich, zum anderen aber auch nachvollziehbar, gibt einem ja ein »Day job« auch Halt, Stabilität und Routine. Und Stoff, über den man schreiben kann, wie Henry Green – im wahren Leben Henry York – seinen Freunden erklärte: »he was beginning to find that the office routines of Henry York were useful, even essential, to the imaginative work of Henry Green. He feared his own volatility and often referred to his need for habitual routines to keep him sane. The job gave him day-to-day stability as well as experiences that he could use in his writing. It was also much less demanding than fiction.«

Wallace Stevens, der große amerikanische Lyriker, arbeitete sein Leben lang bei einer Versicherung: »I find that having a job is one of the best things in the world that could happen to me. It introduces discipline and regularity into one’s life. I am just as free as I want to be and of course I have nothing to worry about money.«

Joseph Heller schrieb Catch-22 abends nach der Arbeit, zwei, drei Stunden am Küchentisch, acht Jahre lang. Tagsüber arbeitete er in der Werbeabteilung u.a. von Time und McCall’s. Über seinen Job sagte er zweierlei; er nannte seine Kollegen bei Time »the most intelligent and well-informed people I woked with in my life.« Und, dass er genausoviel kreative Energie in eine Werbekampagne bei McCall’s stecken würde wie in seine nächtliche Arbeit an seinen Romanen.

Ein bürgerliches Leben mit seinen stabilisierenden Strukturen ist also durchaus der Kreativität förderlich. Oder, wie Flaubert es formulierte: »Be regular and orderly in your life like a Bourgeois so that you may be violent and original in your work.«

Der nagende Zweifel

Alle Kreativschaffenden kennen das, den nagenden Zweifel, an der eigenen Arbeit, am eigenen Talent oder Können, an den Ideen.

Frédéric Chopin zum Beispiel war Zeit seines Lebens geplagt von Zweifeln an seinen spontanen, intuitiven Eingaben. Seine Lebensgefährtin George Sand erzählt: »His creation was spontaneous and miraculous. He found it without seeking it, without foreseeing it. It came on his piano suddenly, complete, sublime, or it sang in his head during a walk, and he was impatient to play it to himself. But then began the most heart-rending labour I ever saw. It was a series of efforts, of irresolutions, and of greetings to seize again certain details of the theme he had heard; what he had conceived as a whole he analysed too much when wishing to write it, and his regret at not finding it again, in his opinion, clearly defined, threw him into despair. He shut himself up in his room for whole days, weeping, walking, breaking his pens, repeating and altering a bar a hundred times, and recommencing the next day with a minute and desperate perseverance. He spent six weeks over a single page to write it at last a he had noted it down at the very first.«

Dmitry Shostakovich, der russische Komponist, komponierte Stücke tage- und wochenlang nur in seinem Kopf, um sie dann in unglaublichem Tempo zu Papier zu bringen. Er hatte schwere Selbstzweifel, ob seine Musik bei diesem Arbeitstempo überhaupt gut sein konnte: »Undoubtedly this is bad. One shouldn’t compose as quickly as I do. Composition is a serious process (…). I compose with diabolic speed and I can’t stop myself … It is exhausting, rather unpleasant, and at the end of the day you lack any confidence in the result. But I can’t rid myself of the bad habit.«

Tür zu

Für viele Künstler lässt ihre kreative Tätigkeit tief in ihre Seele blicken. Das ist oft nicht nur mit Selbstzweifeln, sondern auch mit Scham verbunden. Für den eigentlichen, ersten kreativen Schaffensakt müssen sie deshalb absolut alleine sein. Jeder potenzielle Zuhörer, und sei es nur in Gedanken, führt sonst zur Blockade. Sie schreiben und komponieren also anfangs nur für sich alleine. Und dazu gehört, die Tür zu schließen, um die Welt auszuschließen.

Der Komponist Igor Stravinsky machte immer erst das Fenster seines Studios zu, bevor er anfangen konnte:» I have never been able to compose unless sure that no one could hear me.«

Agatha Christie verkrümelte sich heimlich, wenn sie schreiben wollte, peinlich berührt: »I must behave rather as dogs do when they retire with a bone; they depart in a secretive manner and you do not see them again for an odd half hour. They return self-consciously with mud on their noses. I do much the same. I felt slightly embarrassed if I was going to write. Once I could get away, however, shut the door and get people not to interrupt me, then I was able to go full speed ahead, completely lost in what I was doing.«

Andere schreiben wo sie gehen und stehen, so Jerzy Kosinski: »I love writing more than anything else. Like the heartbeat, each novel I write is inseparable from my life. I write when I feel like it and wherever I feel like it, and I feel like it most of the time: day, night, and during twilight. I write in a restaurant, on a plane, between skiing and horseback riding, when I take my night walks in Manhattan, Paris, or in any other town.«

Das Rätsel der Kreativität

Woher denn nun die Kreativität kommt, ist ein ewiges Rätsel. Und jeder Künstler beschreibt die kreative Eingebung anders.

Der große schwedische Filmemacher Ingmar Bergmann sieht die Kreativität zum Beispiel als eine Art Reinigung: »I have been working all the time and it’s like a flood going through the landscape of your soul. It’s good because it takes away a lot. It’s cleansing.« Arthur Miller sagte zu seiner Suche ach der Eingebung: »The only image I can think of is a man walking around with an iron rod in his hand during a lightning storm.«

Jean-Paul Sartre meinte wiederum, alle Ideen seien bereits irgendwo in seinem Kopf, als undefinierbare Masse: »I thought that in in my head – not separated, not analyzed, but in a shape that would become rational – that in my head I possessed all the ideas I was to put down on paper. It was only a question of separating them and writing them on paper. So put in briefly, in philosophy writing consisted og analyzing my ideas.«

Auf die Frage, ob Drogen Kreativität und Inspiration hervorbringen, schrieb George Sand in ihrer Autobiographie: »Inspiration can pass through the soul just as easily in the midst of an orgy as in the silence of the woods, but when it is a question of giving form to your thoughts, whether you are secluded in your study or performing on the planks of a stage, you must be in total possession of yourself

Das harte Handwerk der kreativen Arbeit

Bücher dieser Art findet man nicht oft. Ich mag alles, was einen Bezug zwischen Genie und Alltag herstellt und den Mythos »Kreativität« ein Stück weit entzaubert. Denn es hat den Kreativen nicht immer gut getan, dass Leute alle möglichen Mythen um die Kreativität herum errichtet haben (Man denke zum Beispiel daran, dass Auftraggeber bereit sein müssen, die vielen Stunden  kreativer Arbeit eines Designers zu bezahlen). Der Alltagsbezug macht Kreativität zugänglich und nachvollziehbar. Zerlegt das »Werk«, wie es am Ende heißt, eben in viele kleine Schritte, Arbeitseinheiten und Zeitabschnitte. Nicht das geniale Endprodukt, das uns ob seiner Genialität einschüchtert, steht hier im Mittelpunkt, sondern die täglichen Routinen und Rituale, die diese Menschen sich angeeignet haben, um auf stille, wilde, exzentrische, stoische, pedantische, leidende und wie auch immer geartete Art und Weise ihren kreativen Tätigkeiten nachzugehen. Das Schaffen, das Handwerk, die ganze harte Detailarbeit des kreativen Prozesses wird hier in Tagesabläufen, Gewohnheiten, Richtungswechseln, Aussagen der Künstler selber oder ihrer Zeitgenossen, beschrieben. Das ganze Augenmerk richtet sich also nicht auf das, was am Ende dabei herausgekommen ist. Sondern auf den Prozess selber.

Die Lektüre dieses Buchs hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen und mich daran erinnert, was uns verloren gegangen ist. Eine Ruhe und Muße und Maß an Konzentration, das uns schleichend wahrscheinlich schon seit den 2000er Jahren (seit es E-Mail gab), spätestens aber seit dem Jahr 2007 (als das iPhone kam und wir seither geistig nie mehr ganz anwesend waren), abhanden gekommen ist. Besonders hängengeblieben ist mir in dem Zusammenhang Maira Kalmans Schilderung ihres Arbeitsalltags, in dem sie Kreation und Administration strikt trennt: »I have no phone, or email, no food or anything to distract in the studio. I have music and work. There is a green chaise there if a nap is needed. And in the late afternoon it is often needed.«.

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