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»Der ferne Spiegel – das dramatische 14. Jahrhundert« von Barbara Tuchman

»Der ferne Spiegel – das dramatische 14. Jahrhundert« von Barbara Tuchman

Man kann sich jetzt wundern, warum in einem Blog, der »diary of the digital age« heißt, ein Buch über das 14. Jahrhundert besprochen wird. Aber das ist ganz einfach: Ich versuche, unsere Zeit zu verstehen. Weil ich sie ziemlich rätselhaft finde.

The Big Picture

Dabei hilft es mir, die Dinge in einen historischen, größeren Zusammenhang zu stellen. Sozusagen eine statistische Sichtweise: je mehr Daten bekannt sind, desto klarer wird das Bild. Wenn ich nur Tagespresse und Social Media lese, gehe ich verloren in der Kleinteiligkeit, die vor meinen Augen flirrt. Hingegen der Blick auf ein Jahrzehnt, wie zum Beispiel die »Nullerjahre«, zeichnet schon ein größeres Bild. Den Blick auf ein Jahrhundert ermöglicht zum Beispiel das 20. Jahrhundert, in dem ich geboren bin; ein Jahrhundert, das in der ersten Hälfte eine unglaubliche Aufbruchsstimmung in der Denkweise und in der Kunst erlebte, die »Moderne«; das aber natürlich vor allem durch zwei Weltkriege in Folge gezeichnet war.

Auf die Kriege bezieht sich denn auch der Titel des Buches »Der ferne Spiegel« (»A distant mirror«) von Barbara Tuchman. Das Buch erschien in seiner Erstausgabe 1978, was ja auch schon wieder ein halbes Jahrhundert her ist. Barbara Tuchman (1912 – 1989) hat beide Weltkriege miterlebt; mit ihrem Buch »The Guns of August«, einer Arbeit über den Ausbruch des 1. Weltkriegs, gewann sie den Pulitzer-Preis. Es war auch tatsächlich der Titel »Der ferne Spiegel«, der für mich wirklich verheißungsvoll klang: Der Gedanke, in ein anderes Jahrhundert einzutauchen, das fast siebenhundert Jahre vor unserem im Dunkeln liegt, das aber unsere Zeit spiegelt – großartig.

Das 14. Jahrhundert hatte es wirklich in sich: die Autorin nennt es eine »gewalttätige, gequälte, verwirrte, leidende und zerfallende Zeit«, in der drei zerstörerische Kräfte in Europa am Werk waren: der 100-jährige Krieg zwischen Frankreich und England, bei dem Europa in Hunderten von Schlachten ewig nicht zur Ruhe kam, und in deren Zwischenzeiten marodierende Brigantenbanden ihr Unwesen trieben; die Spaltung des Papsttums in Rom und Avignon, das Europa uneins werden ließ; und vor allem: die Pest, die sich in einer schlimmen Epidemie 1348-1350 durch die Städte verbreitete, und auch danach, z.B. 1362, immer wieder aufflammte, um dann die Kinder hinwegzuraffen, die in der Zwischenzeit geboren und gegen den Erreger noch nicht immunisiert waren.

Eine zerfallende Zeit

Man kann sich heute nur schwer vorstellen, wie es gewesen sein muss, in einer Zeit zu leben, in der ein Drittel der Bevölkerung an einer in mehreren Wellen immer wieder aufflammenden, rätselhaften Krankheit stirbt. Die interessantesten Beobachtungen im Buch sind denn auch die, bei denen die Autorin einen psychologischen Blick auf die Zeit wirft; auf die Katastrophen, und was sie mit dem kollektiven Bewusstsein und der gesellschaftlichen Moral machen. So hinterließ die Pest die Menschen noch jahrzehntelang danach mit einer existentiellen Hoffnungslosigkeit: »Solche großen und qualvollen Erschütterungen sind nur zu ertragen, wenn sich an ihrem Ende eine bessere Welt abzeichnet. Wenn dies nicht der Fall ist, wie nach jener großen Katastrophe 1914/1918, ist die Desillusionierung tief, und die Menschen verfallen dem Selbstzweifel und der Selbstverachtung.«

Magisches Zeitalter der Hysterie

Merkwürdige Auswüchse hat diese Zeit hervorgebracht, was sicher mit der durch die Katastrophen tief gesunkenen, kollektiven Moral der Gesellschaft des 14. Jahrhunderts zu erklären ist. So zogen hysterische Bewegungen durch die Städte; ähnlich den Flagellanten, die im 13. Jahrhundert in ganz Europa durch öffentliche Selbstgeißelung apokalyptische Stimmung verbreitet hatten, kamen im 14. Jahrhundert große Gruppen auf, die einer Art Tanzwahn verfallen waren. Die Teilnehmer waren überzeugt, von Dämonen besessen zu sein. »Spontanes Symptom einer verstörten Zeit«, nennt Tuchman diese Phänomene, die auf die »wachsende Macht des Irrationalen« hindeuteten.

Diese Tendenz ließ sich auch in vielen entstehenden mystischen Sekten und dem allgemein verbreiteten Hang zur Dämonologie erkennen. Aber »die Anhänger der Sekten waren nicht die einzigen, die sich in dieser apokalyptischen Zeit irrationalen Konzepten verschrieben. Unter dem Eindruck böser und unerklärlicher Ereignisse wandten sich viele überreizte Köpfe der Magie und dem Übernatürlichen zu.« Gezaubert wurde in allen möglichen Lebenslagen, »und sei es nur zur Läuterung eines untreuen Liebhabers oder zur Kurierung einer kranken Kuh«. Die Kirche beobachtete diese Tendenzen mit wachsender Sorge und schrieb sich gegen Ende des Jahrhunderts die Bekämpfung dieser irrationalen Phänomene auf die Fahnen; so legte sie die Grundlage für das Wüten gegen die Hexerei, das im nächsten Jahrhundert ausbrechen sollte: »Erst als der Horizont des 14. Jahrhunderts sich verdunkelte, wurden Magie und Hexerei allgemein als ein Pakt mit dem Satan angesehen.«

Geschichtsschreibung in Echtzeit

Viele zeitgenössische Quellen und Geschichtsschreiber aus dieser lang vergangenen Epoche werden im Buch zitiert. Sie übermitteln die Eindrücke ihrer Zeit, sozusagen in Echtzeit. Irgendwie erstaunt es mich, einen Menschen durch seine Worte sprechen zu hören, die 700 Jahre alt sind, der sich seiner Zeit so bewusst zu sein scheint. Petrarca schreibt zum Beispiel in einem Brief an Boccaccio 1366: »So sind die Zeiten, mein Freund, in die wir gefallen sind.«, oder an anderer Stelle »Ich bin im Babylon des Westens.«

An anderer Stelle wird Honoré Bonet, benediktinischer Prior in der Provence zitiert. Er schrieb Der Baum der Schlachten, in dem er sich mit den Gesetzen, Sitten und moralischen und gesellschaftlichen Folgen des Krieges beschäftigte. Ein aufwändiger Job, wenn man bedenkt, dass es im 14. Jahrhundert ohne Pause Krieg in ganz Europa gab, bei dem sich jeder mit jedem bekriegte (man muss leider auch sagen, dass sich auf den knapp 700 Seiten des Buches sehr detailliert ca. drei Viertel mit dem genauen Ablauf von Hunderten von Schlachten befassen). Bonets Absicht war es, eine »Erklärung für die großen Umwälzungen und sehr grimmigen Missetaten seiner Zeit« zu finden. Seine Schlussfolgerung: »Ob diese Welt ihrer Natur nach konfliktlos und friedlich sein kann? Nein, sie kann es auf keinen Fall sein.«

Der Mensch ändert sich nicht

Früher, als junger Mensch, habe ich alles Vergangene immer abgetan als eben alt und lange vergangen. Mit meiner Zeit hatte das für mich nichts zu tun. So, wie man immer denkt, dass alles, was man als Schwarzweißfilm sieht, wirklich lange her sein muss. Aber mit dem Alter hat sich bei mir die Erkenntnis eingestellt, dass es immer Menschen gewesen sind wie Du und ich, egal wie viele Tausend Jahre es her sein mag. Auch ein Homo Sapiens, der vor zehntausend Jahren gelebt hat, hat gedacht und gefühlt wie wir heute. Insofern finde ich es erhellend, mich beim Lesen in finstere Zeiten zu begeben, die von ihren Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Entwicklungen völlig abstrus erscheinen. Um zu erfahren, wozu der Mensch fähig ist.

»Denn der Mensch ist ewig der gleiche, und nichts verliert die Natur, obwohl sich alles ändert.« John Dryden (On the Characters in the Canterbury Tales).

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