Hochschul-Dozentin, Workshops
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Seminar »Designtheorie« für Studierende

3 min read

Vorlesungs- und Podcastreihe Seminar »Design- und Kommunikationstheorie«

7-teiliges Seminar mit viel theoretischem Background und praktischen Recherche-Aufgaben, anschaulich erzählt als Podcastreihe

Design im Industriezeitalter und als universelle Fähigkeit

Design ist eine rätselhafte Profession. Wenn ich ehrlich bin, zerbreche ich mir seit 25 Jahren den Kopf darüber. Einerseits entspringt Design als moderne Profession einer ganz bestimmten Zeit: dem Industriezeitalter. In dieser Zeit wurden nicht nur die Maschinen und Fertigungstechniken entwickelt, die die Serienfertigung standardisierter und günstiger Produkte für die breite Masse erst ermöglichten; diese Aufbruch in die Moderne brachte den neu erwachten Informationshunger der Städter und die massenhafte Verbreitung von Botschaften genauso hervor wie den Konsum: die neue Produktivitätsrevolution der Industrialisierung brachte Unmengen von Waren und Produkten hervor, die Aufgabe der neuen Industrie-, Produkt-, Brand- und Packaging Designer:innen war, Begehrlichkeiten und neue Käuferschichten zu wecken.

Andererseits ist Design eine elementare, menschliche und mächtige Fähigkeit, die völlig unabhängig von der Zeit existiert und die vor allem im Digital- und Wissenszeitalter unverzichtbar ist. Design ist die Profession, die schon zu allen Zeiten Zeichensysteme erfunden hat, Design ist direkt an das kollektive Bildergedächtnis der Menschheit angebunden, als Gatekeeper uralter, mächtiger Symbole. Design ist die direkte Antwort auf die Algorithmen, nach dem die Wahrnehmung in unseren Köpfen funktioniert. Design ist eine universelle Sprache, um die sichtbare und unsichtbare Seite der Welt zu übersetzen. Design verbindet dabei das Wahrnehmen, das Machen und das Denken. Design und Gestalten, das ist anschauliches Denken mit den Händen. „Visual Thinking“, sozusagen, oder „Design Thinking“. Und diese Fähigkeiten sind älter als das Industriezeitalter – und sie werden bleiben, wenn das Industriezeitalter geht.

Diese Vorlesungsreihe mit Podcast setzt Design nicht nur in einen geschichtlichen Kontext; immer wieder wechselt sie die Perspektiven und unternimmt Exkurse in angrenzende Wissenschaften, die eine große Relevanz und Überlappung mit der Designprofession haben: Wahrnehmungspsychologie und Gestalttheorie, Semiotik und Kommunikationstheorie.

Ziele des Seminars

Das Seminar baut ein erstes, gedankliches Gebäude über die Geschichte und Theorie der Gestaltung. Hierbei geht es mir nicht um Spezialwissen, Jahreszahlen oder Quelltexte; vielmehr einen groben Überblick,, den die Studierenden ihr ganzes Leben bei Bedarf vertiefen können. Vielmehr vermittelt das Seminar eine Meta-Perspektive und die großen Zusammenhänge. Prominente Namen werden als »Namedropping« gestreift, auf Wikipedia-Beiträge verwiesen, Beispiele und Bildmaterial wird von den Studies parallel im Internet gegoogelt.

Durch die praktischen, im Team eigenständig anzufertigenden Rechercheaufgaben finden die Studierenden heraus, wie dieses Wissen sowohl in ihren kreativen Gestaltungsprozess, als auch in ihre Design-Argumentation einfließen kann.

Eigentlich könnte man diese Vorlesung auch betrachten als einen Optikerladen mit einer ganzen Sammlung von verschiedenen Brillen. In jeder Vorlesung und jeder Folge setzen wir eine neue Brille auf. Und jedesmal verändert das den Blick der Studierenden auf die Welt.

Hintergrund ist meine Überzeugung, dass Wissensvermittlung im Wissenszeitalter, in dem das wissen überall und omnipräsent abrufbar ist, anders funktioniert. Das Wissen, das die Studierenden in der Schule oder im Studium auswendig lernen müssen, überlebt ihre Aufmerksamkeitsspanne nicht – und wird ganz schnell wieder vergessen. Man kann es ja auch einfach wieder googlen, wenn man es wieder braucht. Aber solche „Brillen“, die kann man nicht googlen. Sie sind der eigentliche Mehrwert, den ich den Studies vermitteln will; nach der Vorlesung haben sie sie im Gepäck, können sie jederzeit hervorholen und sich auf die Nase setzen. Sie verleihen ihnen einen neuen Blick auf die Welt – und man vergisst sie nicht so schnell.

Referenzen

Julia unterrichtet die Vorlesung »Designtheorie« als im ersten Semester übergreifend in den Studiengängen Kommunikations-, Industrie- und Fotodesign an der Fakultät für Design der Hochschule München

Podcast

Der Podcast ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen zu hören: Podigee, Spotify, Google, Deezer

Folge #1: Eine universelle Sprache (24:34 min)

Folge #2: Die Lehre von den Zeichen: Semiotik (21:51 min)

Folge #3: Dem Neuen ein Gesicht geben (24:39 min)

Folge #4: Der große Bruch: Moderne und Funktionalismus (26:24 min)

Folge #5: Wie die Botschaften in Netzwerken wandern: Kommunikationstheorie (23:34 min)

Folge #6: Die ganze Welt im Kopf: Psychologie und Gestalttheorie (24:08 min)

Folge #7: Design im Wissenszeitalter (17:57 min)

5 Kommentare

  1. Enrico sagt

    Ich finde den Podcast eine sehr moderne und zielorientierte Art zu lernen.
    Man ist flexibel wann und wo man die Vorlesung hört, kann sich Notizen machen und kommt vorbereitet zusammen. Der Fokus liegt also auf dem gemeinsamen Themen erschließen und erarbeiten, sowie dem Transfer von den Vorlesungsinhalten.
    Ich habe den Podcast immer gerne gehört und viel daraus mitgenommen, danke dafür!

  2. Johanna sagt

    Was haben wir gelernt? Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir nun unsere Umwelt anders wahrnehmen. Wir können uns nun die “Brille der Designtheorie” aufsetzen und die Welt um uns herum nun aus kommunikationstheoretischer Sicht wahrnehmen und den Zusammenhang von visueller Kommunikation mit kulturellen, psychologischen und historischen Kontexten besser verstehen. Der Kurs hat uns eine umfassende Perspektive auf die tieferen Aspekte von Design und Kommunikation vermittelt, und somit unser Bewusstsein für die tiefere Bedeutung und Wirkung von Design gestärkt. Vielen Dank für den Kurs!

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