Good Read, Zeitgeschichte

Ein Big Picture, um Weltpolitik zu verstehen: Tim Marshalls »Die Macht der Geografie«

Ich bin immer auf der Suche nach Lesestoff, der mir hilft, ein größeres Bild zu bekommen. Reine Selbstschutzmaßnahme, um etwas Ordnung in völlig fragmentierte Nachrichtenfetzen zu bringen, verwirrende Geschehnisse in Krisenregionen oder schwer nachvollziehbaren Haltungen und Handlungen von Staatslenkern.

In Zeiten, in denen sich durch die Digitalisierung alles physische in Luft aufzulösen scheint, ist es für mich außerdem fast tröstlich und bodenständig, mich in diesem Buch mit den unumstößlichen, geographischen Gegebenheiten auseinandersetzen, die die Kontinente formen: Flüsse, Berge, Wüsten, Seen und Ozeane. Und wie sie bis heute die ureigensten Interessen der Weltpolitik bestimmen. Auf dem Klappentext des Buches heißt es »Seit jeher ist Weltpolitik auch Geopolitik.«

Ein Beispiel: »Das Land, das keine Berge im Westen hat« – Russland

Um beispielsweise die elementaren Interessen Russlands über die Jahrhunderte nachvollziehen zu können, muss man sich die geografischen Gegebenheiten des größten Lands der Erde anschauen. Russland ist »das Land, das keine Berge im Westen hat«: Bis zum Ural läuft die nordeuropäische Tiefebene von Frankreich in das Land hinein, es steht also sozusagen zur westlichen Seite hin sperrangelweit offen, auf einer Linie, die an der polnischen Grenze zwar nur 500, an der russischen jedoch schon 3200 Kilometer lang ist. Aus russischer Perspektive ist das ein zweischneidiges Schwert, analysiert Tim Marshall, denn diese Linie und das endlos flache Land bis Moskau sind unmöglich zu verteidigen – jedoch ist Russland auf Grund seiner strategischen Tiefe auch noch nie erobert worden. In den vergangenen 500 Jahren wurde Russland trotzdem mehrfach vom Westen her überrannt. Der Warschauer Pakt und die Sowjetunion waren einst ein mächtiger Puffer in diese Richtung, doch seit deren Zerfall, den Putin bis heute Gorbatschow anlastet und sie als »die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts« bezeichnet, hat sich das geändert. Bereits 2004, nur 15 Jahre nach 1989, war jeder einzelne ehemalige Mitgliedsstaat des Warschauer Pakts außer Russland selbst Mitglied der NATO oder der Europäischen Union geworden.« Eine der geopolitischen Interessen Russlands liegt also auf dieser Pufferzone, mit der das Land seine offene Flanke nach Westen hin absichert. Eine NATO-Mitgliedschaft von Georgien, der Ukraine oder Moldawien könnte Marshall zufolge einen Krieg auslösen: »All dies erklärt, warum Moskau 2013, als die politische Schlacht um die künftige Richtung der Ukraine hochkochte, scharf reagierte.«

Eine weitere geopolitische Grundmotivation ist der Zugang Russlands zu den Weltmeeren: Seit jeher war das Fehlen eines ganzjährig eisfreien Hafens als freier Zugang zu den wichtigsten Handelsrouten der Welt Russlands »Achillesferse«. »Die Häfen am Nordpolarmeer sind jedes Jahr mehrere Monate zugefroren. Selbst Wladiwostok, der größte russische Pazifikhafen, wird rund vier Monate von eis blockiert und liegt zudem am eingeschlossenen japanischen Meer, das von Japan beherrscht wird. Expansive Bewegungen, zum Beispiel der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979, sind unter anderem in diesem Licht zu betrachten: »Entscheidend war, dass die Invasion Afghanistans der großrussischen Hoffnung Nahrung gab, russische Soldaten würden ‚ihre Stiefel noch im Indischen Ozean waschen‘«. Die Annektierung der Krim 2014 war für Russland auch wegen des Schwarzmeerhafens Sewastopol strategisch relevant, der das ganze Jahr eisfrei ist.

»Kein Wunder,«, schreibt Marshall, »dass Peter der Große in seinem Testament 1725 seinen Nachfolgern rät: ‚Russland muss seine grenzen so weit als möglich nach Indien und Konstantinopel ausdehnen. Wer im Besitze von Konstantinopel ist, ist Herr der Welt.«

Neben Russland zeichnet Tim Marshall ein ebenso klares, großes Bild von China, den USA, Westeuropa, Afrika, den Nahen Osten, Indien und Pakistan, Korea und Japan, Lateinamerika und die Arktis.

Linien auf der Landkarte

Ein Thema, das sich ebenso durch das Buch zieht, ist der Gegensatz zwischen Grenzen, die willkürlich, oft von Kolonialmächten, mit dem Lineal auf der Landkarte gezogen wurden, und den geografischen und kulturellen Gegebenheiten vor Ort – und wieviel Tragik und alte Konflikte damit einhergehen: »Daheim in ihren Hauptstädten London, Paris, Brüssel und Lissabon nahmen sich die Europäer Landkarten mit den Umrissen Afrikas und zogen Linien darauf – oder, um es aggressiver auszudrücken: Lügen. Innerhalb dieser Linien schrieben sie Wörter wie Mittelkongo oder Obervolta und erklärten, das seien Länder. Diese Linien hatten mehr damit zu tun, wie weit die Forschungsreisenden, Militärtrupps und Geschäftsleute welcher europäischen Macht in etwa gekommen waren, und nichts damit, als was sich die Menschen, die innerhalb der Linien lebten, fühlten oder wie sich sich selbst organisieren wollten.«

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