Digitales Zeitalter, Food for thought, Management, Social Era, Unternehmensstrukturen
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Das Ende des industriellen Zeitalters: Nilofer Merchants »11 Rules for Creating Value in the Social Era«

Was wir im industriellen Zeitalter verloren haben

Es war ein Satz in der Kurzbeschreibung, der bei mir sofort ins Schwarze getroffen hat: »Value creation in the 21st century starts with each of us – something that was lost in the industrial times but can be found again.«

Das beschreibt genau, worüber ich schon lange Zeit nachdenke: Was der Mensch durch die Industrialisierung der Arbeit verloren hat. Das ausgestorbene Handwerk und die Handwerkskunst. Den Blick auf das große Ganze, den er durch das Prinzip der Arbeitsteilung in industrialisierten Prozessen verloren hat. Und die Entfremdung von der eigenen Arbeit, die damit einherging.

Immerhin stecken wir mit unseren Arbeits- und Unternehmensstrukturen noch in dieser alten Zeit fest, aber es knirscht an allen Ecken und Enden. Denn diese starren Strukturen sind nicht mehr in der Lage, die sich verändernde Arbeit zu fassen. Nilofer versprüht mit diesem Buch einen Schwung Silicon Valley-Denke, die zwar von 2012, hierzulande aber noch topaktuell ist, und ruft dazu auf, Unternehmen und Business Modelle im sozialen Zeitalter komplett neu zu denken.

Das betrifft die Art und Weise, wie diese alten Matrix-Strukturen konstruiert sind: hierarchisch von oben nach unten, Abteilungen von links nach rechts, mit dem Kunden als »the guy at the end of the value chain«.

Traditional Strategy Dies

Das Buch beginnt mit einem Nachruf auf die traditionelle Strategie, und allen Implikationen, die seit jeher als unumstößlich galten: Dass man die Strategie in einer elitären Gruppe erst machte, um sie dann Schritt für Schritt umzusetzen. Dass Größe Marktmacht und einen echten Wettbewerbsvorteil bedeutete. Dass man überhaupt in einem stabilen Marktumfeld agierte.

Welcome to the Social Era

Diesen enormen Paradigmenwechsel beschreibt Nilofer als »Social Era«, und so radikal habe ich das bislang noch nicht durchdacht vorgefunden. Mit »Social« meint sie nicht »Social Media« und »Like us on Facebook«. Sie meint die grundsätzliche Art und Weise, wie Menschen in Zukunft zusammenarbeiten, Entscheidungen treffen, sich öffnen und vernetzen. »If the industrial era was about building things, the Social Era is about connecting things.«

Shared value, shared purpose

Der inhaltliche Gedanke ist dabei, dass die Menschen dabei nicht mehr durch starre Unternehmensmembranen, sondern durch den Glauben an eine größere Sache, einen gemeinsamen Zweck geeint sind: »The social object that unites people isn’t a company or a product; the social object that most unites people is a shared value or purpose. Purpose is a better motivator than money. Money, while necessary, motivates neither the best people nor the best in people. Purpose does.« Veränderung aus dem Inneren heraus, wie ich es in meinem Artikel »Writing is to create meaning« beschrieben habe.

Wir haben es alle am eigenen Leib erfahren

Im Nachhinein denke ich, dass viel Frust, den ich bei anderen oder mir selbst in den letzten Jahren beobachtet habe, genau von diesen veralteten, starren Strukturen herrührte. Supermotivierte Leute, die frisch dazukamen und innerhalb kürzester Zeit zurechtgestutzt wurden; Mitarbeiter, die durch externe Anforderungen und Erwartungshaltungen aufgerieben wurden, deren Talent aber nie richtig gefördert wurde; und vor allem das ständige Gerangel um Rollen und Titel, bei dem es nur um die eigene Position in der Matrix, nicht aber um die Sache geht.

Der persönliche Moment, den Nilofer uns offenbart, ist denn auch, dass der Gedanke an »Social« und »Openness« die Menschen auch charakterlich verändert und auch sie selbst verändert hat. Immerhin sind wir alle in der Ellebogenmentalität der Hierarchien und des Wettbewerbs geprägt, in der es vor allem um siegen geht. Sie erzählt: »I once ran right over other people because I wanted to be right more than I wanted to build an idea that became real in the marketplace. And I personally liked being in charge and controlling and telling other people what to do.« Und weiter: »I do shake my head at my old self. But I understand where these beliefs came from. They were rooted in industrial era thinking (…): that it’s all about being right, being big, and dominating a space by controlling things. It’s all about power as a limited commodity, defined by your position on the org chart.«

Über Nilofer Merchant

Das Buch »11 Rules for Creating Value in the #SocialEra« ist extrem süffig zu lesen, ist mit 80 Seiten angenehm leichtfüßig und passt gut ins Handgepäck beim nächsten Transatlantikflug (Gell, Florian?).

Nilofer hat 20 Jahre Business-Erfahrung auf dem Buckel, über 100 Produkte in den Markt gebracht, mit Steve Jobs bei Apple und bei Autodesk gearbeitet und berät Unternehmen wie GE, IBM und Logitech. Ich verfolge Nilofer schon eine ganze Weile. Auf sie gestoßen bin ich durch ein Interview in »Plan W« der Süddeutschen Zeitung, in dem sie sinngemäß sagte, dass die moderne Businessliteratur immer noch zur Heldenverehrung neige. Dass sich hinter den einzelnen Heroen wie Steve Jobs vor allem immer eine Teamleistung verbirgt, und dass darüber aber viel zu wenig geredet wird. Sie schreibt regelmäßig auf Medium (lies vor allem den Artikel »Tech Leaders Are Letting Meanness Win«) und ihrem Blog nilofermerchant.com.

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