Alltagsphilosophie, Besondere Orte
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Viareggio: Der italienische Strand als Zeitblase

In London gibt es keine Busschaffner mehr in den roten Routemaster-Bussen. Man hat stattdessen ein elektronisches Ticket und hält es beim Einsteigen an einen Sensor. In immer mehr Supermärkten scannt man seine Einkäufe selbst ein und wickelt den Bezahlungsvorgang mit Hilfe der Benutzerführung auf dem Display ab. In Pittsburgh fahren Uber-Roboter-Taxis. In einer Befragung von Experten für Künstliche Intelligenz (KI) des Future of Humanity Institutes an der University of Oxford schätzten diese, dass 2031 der erste Bestseller mittels KI geschrieben wird. Die Übernahme unserer Jobs durch Künstliche Intelligenz und Roboter ist in vollem Gange.

Puh. Wenn man heute Urlaub macht, dann ist das ja irgendwie auch schon Urlaub von der ganzen Hektik der digitalen Transformation.

In Italien am Strand, genauer gesagt in Viareggio, ist so gesehen die Zeit wohltuend stehengeblieben. Hier sind sie alle noch da, die echten Menschen, genauso wie man es aus den Italienurlauben einer 80er Jahre-Kindheit kennt: Der Salvataggio, der einem Ombra (Sonnenschirm) und Lettino (Strandliege) verkauft, für den Rest des Tages neben seinem roten Rettungsruderboot sitzt und aufs Meer hinausschaut. Der Ragazzo mit dem blauen Plastikeimer, der rumgeht und mit seinem Singsang »Cocoooo. Coco Belloooo« Kokosnüsse verkauft. Die Typen mit den Sonnenbrillen und Rolex-Uhren. Und zuguterletzt die italienischen Familien, die nicht, wie andernorts üblich, schweigend unisono ins Handy starren, sondern am Strand zusammen Beach Ball spielen.

Aber es sind nicht nur die Menschen in dieser kleinen perfekten Welt, es ist vor allem auch der Ort. Viareggio, der Hauptort der toskanischen Versilia, ist fast sowas wie der Archetyp des italienischen Bagnos. Wie auch in den Nachbarbädern Lido die Camaiore und Forte dei Marmi reihen sich hier kilometerlang Sonnenschirme aneinander. Die Strandpromenade Viale Giosuè Carducci säumen neben imposanten Palmen Badehäuser, Strandbars und mächtige Grand Hotels und Gran Caffès der Jahrhundertwende, Jugendstil mit teilweise eigenartig orientalischer Ornamentik. Ein bisschen übertrieben pompös, aber eben irgendwie auch einer alten, würdevollen, glamourösen Idee von Urlaub folgend.

Wohltuend ein solcher Ort in Zeiten der permanenten Veränderung. Eine Zeitblase, auch wenn die Illusion nur von kurzer Dauer ist.

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